A Page a day

„Ihr Termin war am 17. Dezember, 2003. Schön, dass Sie es nach fünfzehn Jahren mal schaffen vorbeizuschauen.“ Prof. Wilson hebt den Blick von seinen Unterlagen und grinst Inra über den Rand seiner Brille an. Irritiert  schürzt die ihre Lippen. Was will er von ihr, soll sie jetzt lachen? „Wenn Sie mir die Frage erlauben …“, fährt Wilson fort, „… was hat sie damals von der Verteidigung Ihrer Dissertation abgehalten?“

„Meine Eltern sind mit dem Flugzeug abgestürzt. Also zwei Tage davor.“

„Ah, verstehe.“ Wilson runzelt die Stirn. „Nein eigentlich nicht. Ich habe keine Ahnung wie es ist seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz zu verlieren, aber ich nehme an, es ist ein sehr einschneidendes Erlebnis.“

„Ja.“

„Und jetzt möchten Sie also die Verteidigung nachholen? So etwas ist mir bisher noch nie untergekommen. Also die zeitliche Diskrepanz.“ Wilson blättert in Inras Akte. „Von welchem Bereich reden wir noch mal?“

„Rechtsmedizin.“

„Rechtsmedizin, richtig! Sie sind sich schon bewusst, dass es nicht leicht sein wird in ihrem Alter…“

„Ja“, antwortet Inra. Als wenn sie nicht darüber nachgedacht hat, wie groß Ihre Chancen mit Mitte vierzig wohl sind, in die Rechtsmedizin einzusteigen.

„Sie haben ja auch keine Erfahrungen“, fährt Wilson fort.

„Das ist nicht ganz korrekt, ich habe ja nicht aufgehört zu leben in den letzten fünfzehn Jahren, ich habe nur nicht als Medizinerin gearbeitet.“

„Sondern?“

„Als Altenpflegerin.“

Wilson hält für einen Moment inne, dann senkt er wieder den Kopf über Inras Akte. „Von der Seniorenpflege in die Pathologie“, murmelt er. „Passt ja irgendwie.“

„Nur, das die schweigen.“

„Wer?“ Wilson schaut auf.

„Die Toten.“

„Ist das der Grund, warum sie in die Rechtsmedizin wollen?“ Mit verengten Augen mustert Inra Wilson. Der räuspert sich unbehaglich. „Nun, ich kann Sie nicht davon abhalten, aber Sie sollten sich nicht zu große Hoffnungen machen. Fünfzehn Jahre sind in der Medizin eine lange Zeit, die Technik, alles eigentlich, entwickelt sich rasend schnell weiter und Sie sind völlig raus aus der Materie.“ Inra erhebt sich. „Sie lassen mir den Termin zukommen?“

„Ich muss mich informieren, wie gesagt, so was kam einfach noch nicht vor …“

„Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, darf zwischen Nennung des Themas der Doktorarbeit und dessen Abgabe nicht mehr als drei Jahre liegen, diesen Zeitraum habe ich eingehalten.“

„Ja, ja, nur eigentlich sollte auch die Disputation zeitnah erfolgen.“

„Das ist nirgendwo explizit aufgeführt.“

Wilson seufzt hörbar. „Meine Sekretärin informiert Sie, sobald ich nähere Informationen habe.“

„Danke, Professor.“

„Ach, eine Frage noch. Wer war Ihr Doktorvater damals?“

„Doktormutter. Prof. Doktor Grübchen.“

Wilson zuckt zusammen. „Grübchen?“

„Doktormutter im doppelten Sinne.“

„Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich.“

„Jup.“

„Auf Wiedersehen, Frau Grübchen.“

„Das werden wir Professor.“ Inra dreht sich um und marschiert aus dem Büro. Wilson sieht ihr nach und fragt sich, ob das irgendwie als Drohung zu verstehen war.

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