Kroatien, 1

Ich fahre in den Urlaub, um zu schreiben. Meine Herzensfreundin S. regte an, ich könne doch auch mal nix tun, aber der einzige Sinn an den Strand zu gehen besteht für mich darin, endlich meine Ruhe zu haben. Nicht, das ich das türkisfarbene Meer und die Sonne verschmähen würde, aber während der Rest der Familie herum schnorchelt, oder auf Luftmatratzen dahintreibt, hocke ich in merkwürdigen Positionen im Schatten – Po in der Luft, Kopf über das Heft gebeugt; mit angezogenen Knien, das Heft auf den Oberschenkeln balancierend; verknotet vor der Kühlbox, die als Tisch dient – es ist sau-unbequem, macht aber glücklich. Und anders als Zuhause, scheint mich eine Wolke zu umgeben, die es verbietet mich anzusprechen. Ab und wann dringt zwar ein „Kann ich mal an den Käse“ zu mir durch, ansonsten bin ich wunderbar alleine in meinem Schattenuniversum. Mit der Hand zu schreiben ist beschwerlich, weil ich eine Schnellschreiberin bin, oft ohne Punkt und Komma, gerne fehlt auch mal das halbe Wort – eine Art selbsterfundenes Steno – aber wenn es im Kopf anfängt zu blubbern, muss es im rasendem Tempo raus, sonst verschlucke ich mich an meinen Gedanken und verliere den Faden. Es fühlt sich an, als würde mein Hirn rülpsen. Unerklärlicherweise ist das Rülpsen am Strand besonders heftig. Nach einigen kräftigen Stößen liegt der Gedankenteig dann vor mir, bereit 1–2 Tage aufzugehen, um dann geknetet und geformt zu werden. Ich kenne Autoren, die das Überarbeiten hassen. Die schon während des Schreibens über jeden einzelnen Satz brüten, ihn in der Hand wiegen, von allen Seiten betrachten, bis er sich richtig anfühlt und ihn dann wie ein Vogeljunges zärtlich auf das Blatt zu setzen. Ich kann das nicht. Wenn ich endlich die richtige Formulierung gefunden habe, habe ich vergessen, wie es weitergeht. Dafür liebe ich das Überarbeiten. Ist das Gehirn-Rülpsen noch ein Getriebensein, etwas wovor ich mich morgens fast noch scheue – denn wenn es beginnt, kann ich nicht mehr aus, bis es vorbei ist – so ist das Überarbeiten wie ein angenehmer Segelflug. Ich flattere über die Buchstabenlandschaft, sammele die Brocken und halb geschriebenen Wörter auf und klicke sie in mein inneres Raster ein. Klack. Klack. Klack. Nach so einem Urlaub bin ich befriedet. War vielleicht nur einmal im Tag am Meer, habe bestimmt hunderte von Fischen und vielleicht die ein oder andere Koralle verpasst, aber mein Kopf ist von innen geputzt. Herrlich, so ein Urlaub!

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4 Kommentare zu „Kroatien, 1“

  1. Genauso ist es, Christine: Schreiben ist eine Sucht, und unter den Süchten die gefundenste. Vielleicht taufen wir das mal um, also nicht mehr eine Sucht – von Suchen, sondern – neukreiertes Wort: eine Ficht von Finden (oder von Fechten, geht auch durch!). Und: der zweite Blick, er lebe hoch, also das Überarbeiten! Oh pardon, wo bleibt die Gender-Gerechtigkeit, also: DIE zweite Sicht, SIE lebe hoch.
    Richard

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